Eine Strasse - mitten durchs Haus

Hermine Streich-Risser wurde 1937 in Klosters GR als jüngstes von drei Geschwistern geboren.
Foto: Sabine Eggenschwiler

Fotos: aus dem Besitz von Hermine Streich

1940, als der 2.Weltkrieg tobte und Hermine gut zwei Jahre alt war, verstarb ihr Vater Kurt leider an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. In dieser Zeit war es vorgeschrieben, dass die Witwe mit den Kindern in die Heimatgemeinde des verstorbenen Ehemannes ziehen musste und die Familie einen Vormund erhielt. So kam es, dass die Mutter Elsi mit ihren drei Kindern 1940 die gemeinsame Heimat hinter sich lassen musste und ins Berner Oberland zog. Hermine wuchs von nun an in Oberried auf und besuchte auch dort die Schule. Das kleine Mädchen mit den grossen Augen und den süssen Zöpfen musste sich mit der neuen, für sie so fremden Umgebung und Situation ohne ihren geliebten Vater zurechtfinden.

Foto: Hermine mit ihrer Mutter, sowie ihren Brüdern Ruedi (links) und Heinz
Und tatsächlich - es gelang ihr mit dem ungewohnten Ort vertraut zu werden und Freundschaften zu schliessen. Gerne erinnert sich Hermine noch an den festlichen Tag ihrer Konfirmation am Palmsonntag, dem 12. Juni 1953 in der Kirche Brienz durch Pfarrer Stucker. Sie freute sich über das Erreichte und die bevorstehenden neuen Möglichkeiten, die sich boten.
So engagierte sich Hermine u.a. mit Freuden im Samariterverein. Sie lernte mit stressigen Situationen und emotionalen Belastungen umzugehen. Der Umgang mit Verletzten erforderte Teamarbeit, Disziplin, Übernahme von Verantwortung, sowie eine besondere Sensibilität und Empathie für die Bedürfnisse von anderen. Diese Erfahrungen haben Hermine geprägt und halfen ihr auch später immer wieder in ihrem täglichen, arbeitsreichen Leben.


Mit 21 Jahren lernte sie ihren Mann Alfred Streich (1930 -1980) kennen. Alfred ist als jüngster Sohn von Margaretha und dem Photographen Eduard Streich-Pauli mit drei Brüdern in der Abgeschiedenheit von Bottenbalm am Aenderberg aufgewachsen.



Foto: Aenderberg mit Bottenbalm. Blick vom Kienholz aus; Ausschnitt Postkarte H.C. Maeder ca.1939
Im 19. Jahrhundert hatte der Steinhauer Cäsar Rossi hier an Bottenbalm eine Schmitte betrieben. Damals blühte gerade der Tourismus auf. Hotels wurden gebaut und die Zeit brachte grosse Veränderungen, auch für Bottenbalm. Für das aufstrebende Baugewerbe hat Cäsar Rossi Material wie Gehwegplatten, Tritte und Grenzsteine aus Granitfindlingen des Aaregletschers hergestellt. Das Material wurde mit dem Hornschlitten nach Bottenbalm und von da aus mit dem Boot nach Brienz gebracht. Als in den 20er Jahren dann die Brienzerbergstrasse gebaut wurde, verlor dieser Transportweg seine Bedeutung. So stand das Bottenbalmhaus für längere Zeit leer, ehe es die Eltern von Alfred im Frühjahr 1928 erwerben konnten.

Foto: Bottenbalmhaus, Westseite des Hauses mit Blick ins Haslital
Aufgewachsen in der Abgeschiedenheit zeigte Alfred Geschicklichkeit, Kreativität und Geduld. Es inspirierte ihn dazu, den Beruf eines Acheveurs (Spezialist für Funktionen und Gehäuse von Taschenuhren) in der Uhrenfabrik Brienz zu erlernen und später Schnitzler zu werden. Auch wagte er den Schritt in die Bauwirtschaft und arbeitete später in der Baugruppe der Gemeinde Brienz mit.
Zudem war Alfred ein leidenschaftlicher Theaterspieler, dessen Herz für die Bühne schlug. Sein Engagement führte zu vielen schönen, humorvollen Momenten und Begegnungen.

Foto: Alfred bei einer Theateraufführung

Foto: Gruppenbild der Theatergruppe mit Alfred, 2. von rechts

Foto: Alfred auf der Kanone oben rechts

Foto: Alfred in der Mitte
Auch im Militär war seine schelmische Art weitaus bekannt. Die Beziehung zwischen Hermine und Alfred blühte auf. Schnell stellte sich heraus, dass sie viele gemeinsame Interessen hatten. Denn auch Hermine war für jede Art von Spass offen. Hier posiert sie mit der Lambretta, obwohl sie nie gefahren ist.

Foto: Hermine posiert mit Helm

Foto: Hermine mit Alfred auf seiner Lambretta
Und noch heute erzählt sie gerne und herzlich lachend, dass Alfred ihr sein Kinderfoto mit den tollen Locken gezeigt hat und behauptet hat, auf dem Bild sei seine Schwester zu sehen.
Und so entschlossen sie sich, 1958 in der Reformierten Kirche Brienz zu heiraten.

Foto: Mit Trauzeugen Schwager Ernst und Schwägerin Rösi

Foto: Heirat 1958; beim Verlassen der Kirche Brienz
Bei der Ankunft ihres ersten Kindes Rita 1958 wohnten sie noch in Oberried. Aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse ihrer Wohnung beschlossen sie jedoch noch im gleichen Jahr, in das Elternhaus ihres Mannes an Bottenbalm zu ziehen. Die junge Frau Hermine fand hier für lange Zeit eine neue Heimat. Die Abgeschiedenheit Bottenbalms brachte jedoch neue Erfahrungen und Herausforderungen mit sich. Es sollten arbeitsreiche Jahre werden dort drüben und auch grosse Entbehrungen warteten auf Hermine.
Um ins Dorf oder zur Schule zu gelangen, musste ein weiter Weg zurückgelegt werden. Dies erforderte Selbstversorgung und eine sorgfältige Planung beim Einkauf. Alfred besass eine Lambretta, welche er in der Engi stationieren konnte. Später machte er noch den Führerschein, was vieles vereinfachte. Bei der Familie Adolf Schild in der Engi hatten sie auch zeitweise einen Kinderwagen untergestellt, als das Kleinste noch nicht laufen konnten. Diesen musste Hermine aber auf dem Heimweg wieder die Axalpstrasse hinaufstossen und anschliessend das Kind mit den Einkäufen wieder hinunter nach Bottenbalm tragen. So bot sich bei ruhigem See ein Ruderboot als bestes Verkehrsmittel an. Konnte bei gutem Wetter der Weg mit dem Boot über den See bis zur «Pfäffli-Kurve» genommen werden, stellte Hermine den Kinderwagen einfach ins Boot; die grösseren Kinder durften auf dem Bänkli sitzen oder bei stärkerem Seegang wurden sie auf den Boden des Bootes gesetzt. Später konnte zur Erleichterung des Alltages ein Motorboot erworben werden.

Foto: Alfred, Rita und Hermine an Bottenbalm; 1959
Es wurden Ihnen noch vier weitere Kinder geschenkt.
Alma, geboren 1960 – verstorben 1976
Edith, geboren 1961
Ursi, geboren 1964
Ruedi, geboren 1969

Foto: Alma und Rita (obere Reihe v.l.n.r.), Ursi, Ruedi und Edith (untere Reihe v.l.n.r.)
Man stelle sich vor: Als Hermine die Geburt des zweiten Kindes bevorstand und in den Wehen lag, ruderte Alfred sie mit dem Boot zum Brunnen hinüber. Dort wartete Gott sei Dank schon ein Taxi, um sie ins Spital zu bringen.



Fotos: Impressionen von Bottenbalm


Zusammen mit den Schwiegereltern Margaretha und Eduard Streich bewohnten sie viele Jahre das Mehrgenerationenhaus an Bottenbalm.

Foto: Ostseite des Hauses

Foto: Ostseite des Bottenbalmhauses. Eingang links zu Familie Hermine Streich, rechts zu den Schwiegereltern.
Zu Hause wurde eine kleine Landwirtschaft mit Ziegen und Hühnern betrieben. Frische Milch bezogen sie bei der Familie Schild in der Engi.
Selbstversorgung und familiäre Teamarbeit waren von grosser Bedeutung, auch wenn das Zusammenleben auf so engem Raum nicht immer einfach war.


Foto: Nordseite des Hauses zum See hin

Foto: links der Hausteil der Schwiegereltern, rechts der Geissenstall
In den Wintermonaten waren die Lebensumstände besonders hart. Bottenbalm befindet sich am Nordhang und hat daher von November bis Februar keine Sonne. Drei Monate ohne jeglichen Sonnenstrahl. Bei solch schwierigen Bedingungen verschlechtern sich die Lebensumstände erheblich. Vom Herbst bis in den Frühling herrscht durchgehend Nässe, die Umgebung ist düster, Reif oder Schnee bleibt länger auf dem Boden liegen. Strom war zwar vorhanden, aber bei jedem mehr oder weniger grossen Sturm fiel er aus. So waren Petrollampen und der Holzherd hilfreich. Aber da das Haus undicht war, gab es Tage, da waren die Fensterscheiben gefroren und tauten sogar den ganzen Tag nicht auf. Wenn das fliessende Wasser gefroren war, musste man Schnee auf dem Herd schmelzen, um Wasser zu erhalten.
Die Wäsche für die grosse neunköpfige Familie wurde auch während des Winters am See gewaschen. Alfred machte eine Feuergrube, wo die Wäsche aufgekocht wurde. Das anschliessende Spülen der Wäsche konnte wegen des tiefen Wasserstandes nicht am Ufer erfolgen. So musste Hermine die Wäsche ins Boot hieven, auf den Brienzersee hinausrudern und dort die nasse, schwere Wäsche im eiskalten Wasser des Brienzersees ausspülen. Es war eine äusserst anstrengende und zeitraubende Arbeit. Die Belastung ist nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Die Folgen spürt sie heutzutage in den Händen und im ganzen Körper. Hermine ist leider kaum mehr in der Lage, einen Stift in den Fingern zu halten und auch ihr geliebtes «Lismen» ist schon länger unmöglich.
In den Wintermonaten und bei starkem Seegang war ein Übersetzen mit dem Boot nach Brienz oft nicht möglich. Während der Fussmarsch nach Brienz normalerweise 50 Minuten in Anspruch nahm, so dauerte dieser bei Schneefall deutlich länger und konnte zu einer mühsamen Aufgabe werden. Im Winter wurde der Schnee auf dem abgelegenen Fussweg zur Engi natürlich nicht geräumt und die Familie musste den steilen, mitunter glatten und tief verschneiten Weg zur Engi hinaufsteigen. Deshalb wurde auch davon abgesehen, die Kinder in den Kindergarten zu schicken, welcher zu diesem Zeitpunkt noch nicht obligatorisch war.
Es war ein arbeits- und verzichtreiches Leben an Bottenbalm. Es forderte sie heraus, Verständnis füreinander zu entwickeln und gemeinsame Lösungen zu finden. Doch man merkt, Hermine und Alfred gaben nicht auf und besassen weiterhin eine Lebensfreude.

Foto: Die Kinder kümmern sich um die Tiere

Foto: Alfred beim Turnen an einem gefällten Baum

Foto: Hermine kann nicht schlafen


Foto: Die Kinder beim Schlittlen im Winter
Ein gelegentlicher Ausflug zur Axalp mit ihrer spektakulären Landschaft bereitete ihnen grosse Freude und bot eine willkommene Abwechslung zum arbeitsreichen Alltag.

Doch dann ergab sich durch den Neubau der Sustenstrasse 1946 eine bessere verkehrstechnische Anbindung des Berner Oberlandes. Dadurch wurde die Region für Touristen attraktiver und die Zahl der Autos in Brienz stieg. Zur Entlastung des Dorfes wurden in den 60er Jahren vom Staat Pläne für eine neue Nationalstrasse A8 Brienz – Interlaken erarbeitet. So führte die Zunahme der Fremdenindustrie wieder zu einer Veränderung an Bottenbalm. Denn nach langen Diskussionen der beauftragten Arbeitsgruppe wurde beschlossen, die Linienführung der neuen Strasse ausgerechnet mitten durchs Haus der Familie Streich zu legen. Das Elternhaus an Bottenbalm sollte tatsächlich einer Autobahn weichen! Die Familien Streich hatten keine Wahl. Sie sahen sich der grossen Herausforderung und schwierigen Entscheidung gegenüber, ihr langjähriges Heim für eine neue Strasse aufzugeben.
Die Suche nach einer neuen Bleibe führte sie per Zufall schliesslich ins Trachtli zu einem charmanten Haus mit grossem Garten. Hermine war zu dieser Zeit gerade dabei, das Autofahren zu erlernen. Sie verzichtete aber darauf, denn Geld musste gespart werden. Und schliesslich war das neue Haus zentral in Brienz, nahe dem Bahnhof, der Schule und den Einkaufsmöglichkeiten gelegen und bot damit auch neue Perspektiven.
Die Familie Streich konnte das Haus tatsächlich erwerben und im Oktober 1968 zusammen mit der Schwiegermutter Margaretha Streich-Pauli beziehen. Hermine pflegte sie dort liebevoll bis kurz vor ihrem Tod. Der Schwiegervater Eduard bezog ein Studio im Haus.

Foto: Luftaufnahme vom Haus an der Tracht
Ein schwerer Schicksalsschlag ereilte die Familie, als die zweitälteste Tochter Alma 1976 auf Grund eines Elektrounfalls verstarb. Leider verstarb auch Alfred im Juli 1980 im Alter von nur 50 Jahren nach langer, schwerer Krankheit.

Foto: Alfred ca. 1979
Das Haus an der Tracht wurde wieder verkauft und Hermine lebt nun gut umsorgt im Alters- und Pflegeheim EGW, Brienz. Bottenbalm ist heute immer noch in Privatbesitz und umfasst drei Ferienhäuser; zudem befinden sich mehrere private Bootsliegeplätze dort.

Foto: Bottenbalm vor dem Neubau

Foto: Neubau eines der Ferienhäuser


Seit Juni 2023 führt ein neu ausgebauter Wanderweg Brienz-Brunnen-Giessbach mit einem spektakulären Fussgängersteg unter der Autobahnbrücke A8 an Bottenbalm vorbei und bietet einen schönen Ausblick aus der Vogelperspektive auf die Einöde und den Brienzersee. Wieder hat der Tourismus an Bottenbalm für eine Veränderung gesorgt. Wird es die letzte sein?

Foto: aus dem Besitz von Hermine Streich

Bottenbalm 2024 mit den Ferienhäusern und der Autobahnbrücke N8
Foto: Sabine Eggenschwiler

Foto: Hermine Streich als Kind
Ein riesengrosses, herzliches Dankeschön an Hermine Streich-Risser für ihre Geduld, ihre Erzählungen und die zur Verfügung gestellten Bilder.
©2024 Brienzer Dorfgeschichte
Sabine Eggenschwiler
Brienz, Oktober 2024

Wilhelm Wyss
Vreni Wyss-Gafner erinnert sich an Wilhelm Wyss (1901-1965), den Bruder ihres Schwiegervaters Ernst Wyss-Knecht (1905-1987).

früher-heute
Brienz verändert sich. Häuser werden abgerissen. Neue werden gebaut. Mit diesem Fotobericht zeigen wir, wie es früher an den uns heute bekannten Orten ausgesehen hat.
Kurt Gusset geht anhand der historischen Archiv-Fotos durch unser Dorf und fotografiert möglichst am selben Ort dasselbe Sujet. Dabei achtet er auf kleinste Details, den Lichteinfall oder auf Objekte, Autos, Fussgänger - und drückt ab, wenn das Foto von heute am besten mit dem Foto von früher übereinstimmt.
Dieser Beitrag wird laufend ergänzt.

War es wirklich so ganz anders?

Der Waran und das Unwetter
«Das war für mich ein schöner Aufsteller!» Das schreibt uns Elisabeth Fuchs in einem Mail. Die erschütternden Nachrichten, die das Unwetter vom 12. August 2024 in Brienz mit sich brachte, die kennen wir. Daneben gibt es jedoch auch viele schöne Geschichten, solche von Zusammenhalt, Unterstützung und weitere, die erfreuen. Wie eben auch diese von Elisabeth Fuchs.

Geschichten vom Burgstollen
Beatrice Lauener ist die Enkeltochter von Gertrud Juillerat-Eggler vom Burgstollen. Sie hat uns einige Dokumente ihrer Grossmutter zukommen lassen und auch zwei Musikstücke der Kapelle Eggler, bei denen ihr Grossvaters Paul Juillerat am Klavier mitspielte. Viel Freude beim Lesen und reinhören.

Aus dem Leben von Werner Zysset
Es ist ein Nachmittag im März 2024, als Heidi Blatter und Zora Herren (Bericht) bei Mina und Werner Zysset-Leppin an den Küchentisch eingeladen werden. Werner ist vorbereitet auf unseren Besuch, auf dem Tisch liegen zwei Ordner mit Fotos und Dokumenten und auf einem Blatt hat er alle Kleinschreiner, die es 1951 in Brienz gab, aufgeschrieben. Wir zählen 29 Namen!