Sie waren die Letzten ihrer Art
«Es war eine sehr schöne Zeit», so Hanspeter Flück (82). Damit meint er die Zeit, als er mit fünf weiteren Schulkameraden als Ziegenhirt im Dorf Brienz unterwegs war. Bevor sie diesen Dienst Ende der 1940er-Jahre antraten, taten dies vor ihnen Fritz Jossi, Fritz Zobrist und zuletzt Ernst Mathyer. Alle drei hatten diese Tätigkeit altershalber aufgegeben. Nach ihnen zeigte kein Dorfbewohner mehr Interesse an dieser Arbeit.
Bliesen in ein Horn
An der Vorstandssitzung der Brienzer Ziegenzuchtgenossenschaft (ZZG) im Mai 1954 wurden dann fünf Buben mit dieser Aufgabe betraut. Das waren neben Hanspeter Flück sein jüngerer Bruder Willi, Bruno Wirz, Martin Flück und Hanspeter Schild. «Gefragt, ob wir das machen wollten, wurden wir nicht. Es hiess einfach, ihr macht das», sagt Hanspeter Flück mit einem Lächeln und erzählt weiter: «Nach der Schule und dem Mittagessen holten wir jeweils das Horn bei Hans Wirz, dem Kassier der ZZG. In dieses bliesen wir an bestimmten Stellen im Dorf, damit die Ziegenbesitzer wussten, dass wir ihre Tiere abholten.» Etwa 30 bis 40 Ziegen sowie einen Bock führten sie abwechslungsweise zu zweit ins «Dorni» oberhalb des Dorfes zum Äsen. Mit dabei hatten sie jeweils einen Imbiss bestehend aus Käse und Brot sowie eine Thermosflasche mit Tee, den ihnen die Mutter vorbereitet hatte.
Der Weg zum Weidegebiet war für die Buben alles andere als ein Spaziergang. «Es galt zu verhindern, dass die Ziegen nicht alles plünderten, was sie erspähen konnten», erzählt Flück. «Mit einem Stock hielten wir die Ziegen davon ab, in Gärten, Blumentöpfen oder in Säcken fremdes Gut zu fressen. Auch mussten sie darauf achten, dass die Tiere den vom Förster mit jungen Fichten bepflanzten Gebieten fernblieben.» Waren sie dann am Weideplatz angelangt und machten sich die Ziegen an die Gräser und Blätter, genossen auch die Ziegenhirten dann bald ihr Zvieri. Spätestens gegen 17 Uhr traten sie ihre Heimkehr an. Sie durften nicht zu früh sein, da alle, die Ziegen hatten, auch arbeitstätig waren. Keiner der Buben besass eine Uhr, sie orientierten sich an den Kirchenglocken sowie an den Zügen der Brünigbahn.
Pro Nachmittag erhielt jeder Ziegenhirt fünf Franken. Den grössten Teil des Geldes mussten sie zu Hause abgeben. Davon kauften ihnen die Eltern, wenn nötig, Kleider und Schuhe. Einen Teil durften die Knaben als Sackgeld behalten. «Davon sparten wir etwas für den Briensermärt im Herbst. Da hatten wir dann Geld für das Rösslispiel, das damals 20 Rappen kostete.»
Flück blickt nochmals zurück und berichtet, wie einst eine Lawine beim «Dorni» alles verwüstet habe. Als alles wieder nachgewachsen war, sei dort alles voll mit Nielen gewesen. «Diese bildeten eine trampolinartige Fläche. Da sprangen wir jeweils wie wild darauf herum.» Dennoch hatten sie ihre Aufgabe als Ziegenhüter wahrgenommen und die Tiere nicht aus den Augen gelassen. Auf die Frage, ob sie denn in ihrem jugendlichen Leichtsinn Nielen nicht auch geraucht hätten, antwortet er, dass sie das wohl ausprobiert hätten, aber das sei zu scharfes Zeug gewesen. «Der Älteste von uns hat dann bei Hugglers im Laden ein Päckchen Parisienne-Zigaretten gekauft. Von denen rauchten wir manchmal im Versteckten.» Irgendwann habe dann der Vorstand des ZZG davon erfahren, und es wurde ihnen verboten zu rauchen.
Bockabend als Höhepunkt
«Unsere Eltern haben immer gesungen, meistens am Feierabend, aber auch bei der Arbeit», erzählt der Brienzer und erwähnt eine lange Sitzbank unweit seines Elternhauses: «Dort sassen abends ein paar ältere Bewohner, und sie erzählten sich allerlei und sangen alte Lieder, die man heute nicht mehr kennt.» Die Kinder spielten unweit davon und lernten diese Lieder vom Zuhören. Mit dem Einzug von Fernsehgeräten in beinahe jeden Haushalt verschwand diese Tradition.
Als jährlichen Höhepunkt erwähnt Flück den Bockabend im Herbst. Für diesen wichtigen Anlass der Ziegenzüchter wurde ein Ziegenbock geschlachtet und im Restaurant Helvetia gekocht. Der Saal war jeweils voll gefühlt. Serviert wurde Ziegenragout mit Randensalat und Kartoffelstock. «Wir Ziegenbuben durften auch daran teilnehmen und mussten vorsingen. Aber bevor die Stimmung anstieg und die Musik zum Tanz aufspielte, schickte man uns nach Hause.» Mit dem Bockabend fand das Jahr der Hüterbuben jeweils seinen Abschluss. Seit Ende der 1950er-Jahre gibt es in Brienz keine Geisshirten mehr
Bericht von Hans Heimann im Schweizer Bauer als PDF:
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